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Seit dem Sieg der Hamas
bei den Parlamentswahlen im Jänner 2006 bei gleichzeitiger Sicherung der
Präsidentschaft für Mahmud Abbas (Fatah), nach der Bildung einer Regierung der
Nationalen Einheit zwischen Hamas und Fatah am 17. März 2007, hat sich das
Schicksal der im Gazastreifen eingekesselten, im Westjordanland militärisch
besetzten und in den Lagern im Libanon, in Jordanien und Syrien zusammengepferchten
PalästinenserInnen nicht im geringsten verbessert. Im Gegenteil. Wie in jedem
Gefängnis der Welt – vor allem, wenn es dauernd Schikanen gibt – in dem die
Nahrungszufuhr ungenügend, die Gefangenen hoffnungslos und die Wärter bis an
die Zähne bewaffnet sind und unbesiegbar erscheinen, macht sich der Krieg im
Knast selbst breit. Die Konfrontation zwischen Hamas und Fatah, die über
hundert PalästinenserInnen in Gaza das Leben gekostet haben, sind kein Ausdruck
eines Widerspruchs zwischen der Bourgeoisie auf der einen und dem Proletariat
auf der anderen Seite aus, nicht einmal unversöhnliche politische
Orientierungen. Daher sind sie eine völlige Sackgasse, für die die Armen
natürlich noch mehr bezahlen als die Reichen, im besetzten Palästina und anderswo.
Die Hamas-Milizionäre
gingen im Gazastreifen siegreich aus den Kämpfen mit den Fatah-treuen
Sicherheitskräften hervor. Sie eroberten alle öffentlichen Gebäude und begannen
mit der Jagd auf ihre GegnerInnen. Jene, die über die Mittel (Geld,
Transportmittel, Leibwächter,…) verfügten, flüchteten zu Hunderten von Gaza ins
Westjordanland oder nach Ägypten. Innerhalb weniger Stunden waren alle
Fluchtwege aus der Mausefalle gestopft: die ägyptischen „Brüder“ blockierten die
Grenze, die israelische Armee (IDF) verweigerte den Ambulanzen die Durchfahrt
und achtete darauf, dass sich die Familien im Vorzimmer von Erez
zusammendrängten.
Die Hamas, Bewegung des
islamischen Widerstandes, stammt von der Moslembruderschaft ab, die mit der
jordanischen Monarchie kollaborierte. Dank saudi-arabischer Finanzhilfe konnte
sie eine soziale Basis gewinnen, indem sie Tausenden verarmten
PalestinänserInnen zum Überleben verhalf. Während der 1970er und 1980er Jahre
hat Israel die Verankerung der Hamas erleichtert, um ein Gegengewicht zur
palästinensischen Widerstandbewegung unter Führung der PLO zu schaffen, die den
bewaffneten Kampf führte. Die Hamas ihrerseits beteiligte sich ab 1987, der
ersten Intifada, am bewaffneten Kampf. Bis Ende 1992 waren im Gazastreifen 600
Moscheen errichtet worden. Während des Golfkriegs vermied es die Hamas, Partei
zu ergreifen – der PLO hingegen kürzten die Golfstaaten die Mittel. Scheich
Yassin, 1997 von Netanjahu freigelassen, streifte dafür mehrere hundert Millionen
Dollar ein. Seither bezieht einer von drei PalästinenserInnen eine finanzielle
Unterstützung durch die Hamas. So konnten die IslamistInnen aufblühen, ohne
durch die unbarmherzige Repression, welche die Militanten der Fatah traf,
beeinträchtigt zu sein.
Die Beliebtheit der Hamas
rührt von der Zurückweisung der kapitulierenden, korrupten und kollaborierenden
PLO durch viele PalästinenserInnen und die selbst immer wieder behaupteten
Opposition der Hamas gegenüber Israel her. Aber der Anti-Zionismus der Hamas
ist eher zweifelhaft: Ihr Problem ist mehr die Präsenz von Juden/Jüdinnen an
den „heiligen Stätten“ der Moslems als die Beraubung eines ganzen Volkes.
Übrigens hat die Hamas ein „Programm für die Regierung der nationalen Einheit“
angenommen, das vorsieht:
„Die Regierung wir mit allen arabischen Brüdern und der
internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten, um die Besetzung zu beenden und
die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes wiederherzustellen, an erster
Stelle die Schaffung eines vollständig souveränen, unabhängigen
palästinensischen Staates auf dem gesamten im Juni 1967 besetzten Territorium,
mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt.“
Die zionistische Besetzung
Palästinas hat, wie man weiß, nicht erst 1967 begonnen, sondern schon vor dem
Zweiten Weltkrieg, von 1936 bis 1939, als die jüdischen bürgerlichen
NationalistInnen als Hilfstruppen des britischen Imperialismus an der
Zerschlagung der Revolte der PalästinenserInnen mitwirkten. Die zionistische
Bewegung gründete Israel 1948 auf der Basis der kolonialen Gewalt und der
Beraubung und Entrechtung der AraberInnen. Seither haben alle israelischen
Regierungen die Kolonisierung fortgesetzt und die Unterdrückung der
PalästinenserInnen verschärft. Indem sie einen „palästinensischen Staat in den
Grenzen von 1967“ fordert, legitimiert die Hamas die Nakba von 1948 und
anerkennt das Recht Israels, Palästina zu besetzen. Sie lässt die Millionen im
Stich, die in Exil gehen mussten, die in den Lagern in Jordanien, Syrien und
dem Libanon zusammengepfercht wurden und denen man das Recht auf Rückkehr
verweigert.
Wie auch immer die
glorreichen Erklärungen der Hamas-Führer aus dem Gürtel rund um das Gefängnis,
das die Territorien bilden, lauten mögen – um die Herrschaft über die
Eingesperrten zu sichern, ruft ihr Regierungsprogramm zur Respektierung der UNO
und der früher unterzeichneten Verträge mit den UnterdrückerInnen auf:
„Die Regierung der Nationalen Einheit respektiert die
Resolutionen nach internationalem Recht und die von der PLO unterzeichneten
Abkommen.“
Die „Lösung“ der UNO sind
die angeblichen zwei Staaten auf einem Teil des palästinensischen Territoriums.
Faktisch läuft das auf die Existenz eines einzigen wirklichen Staates hinaus –
Israel, einem bis an die Zähne bewaffneten rassistischen Kolonialstaat. Alle
mit diesem Kolonialstaat unterzeichneten Verträge, welche die Hamas zu
respektieren verspricht, zielten auf die Entwaffnung der PalästinenserInnen und
die Verteidigung der künstlichen Staatsgebilde in der Region (natürlich
Israels, aber auch Jordaniens und des Libanons) und der Verwandlung Palästina
in Bantustans ab.
Welcher Unterschied also
zur Fatah? Keiner! Wie die PLO ist die Hamas unfähig, tatsächlich gegen den
zionistischen Staat zu kämpfen, indem sie gegen ihn die jüdischen ArbeiterInnen
mobilisiert und sich auf die ArbeiterInnenmobilisierungen in Jordanien, dem
Libanon und Ägypten stützt. Abgesehen von seinem religiösen Obskurantismus
verteidigt der politische Islamismus den Kapitalismus: Die Moral und wohltätige
Werke sollen die Klassensolidarität der ArbeiterInnen ersetzen. Der
Gesundheitsminister für Gaza hat im September [2006] eine Ausgabensenkung um
zwei Millionen Dollar angekündigt. Die Hamas zieht die Märtyrer der
Massenbewaffnung vor – daher die ohnmächtige und reaktionäre Taktik, junge PalästinenserInnen
bei Angriffen gegen zivile israelische Ziele zu opfern. So werden die
ArbeiterInnen Israels an die Regierung Olmert gebunden, obwohl jüdische und
arabische ProletarierInnen als gemeinsamen Feind die gleiche ausbeuterische
KapitalistInnenklasse haben.
Das ist der Grund, warum
die Hamas nicht weiß, was sie mit ihrem „Sieg“ in Gaza anfangen soll. Ihre
Führer vervielfachen die Erklärungen für eine „palästinensische Einheit“ und
schielen ungeduldig in Richtung Abbas. Der Hamas-Regierungssprecher Ghazi Hamad
erklärt: „Wir müssen eine Lösung finden,
miteinander sprechen, versuchen, die nationalen Interessen zu bewahren, einen
Weg finden, weil wir nicht zulassen können, dass der jetzige Zustand noch
länger andauert.“ (Le Monde, 23. Juni 2007)
Wenn sie nicht überhaupt
offen an den guten Willen der Gefängniswärter appellieren: „Wir sind ein Volk unter Besatzung. Israel muss unsere vitalen
Bedürfnisse sichern, und wir zählen darauf, dass unsere arabischen Brüder uns
nicht fallen lassen.“ (A. Youssef, politischer Berater von
Hamas-Premierminister Haniyeh).
Im Endeffekt profitiert
Israel in großem Umfang davon, dass die Hamas Gaza unter ihre Kontrolle
gebracht hat. Abbas, der nie seine Kollaboration mit dem Unterdrücker
aufgegeben hat, erhielt die Unterstützung der USA und anderer Imperialismen.
Die Außenminister der Länder der Arabischen Liga, die am 15. Juni in Kairo
zusammentrafen, stimmten in das Konzert ein: „Sie verurteilten die 'kriminellen Akte', zu denen es im Gazastreifen
gekommen ist und riefen dazu auf, 'die palästinensische nationale Legitimität
und die gewählten Institutionen' zu verteidigen.“ (Le Monde, 17. Juni
2007).
Am 25. Juni nahm in
Sharm-el-Sheikh der israelische Regierungschef Olmert an einem Gipfeltreffen
mit Abbas und den ägyptischen und jordanischen Führern teil. Die Position des
zionistischen Unterdrückers hat sich deutlich verstärkt, alle Anwesenden
wünschten seine Zusammenarbeit. Das Übereinkommen, das in Ägypten abgeschlossen
wurde, war am 19. Juni anlässlich des Besuchs von Olmert bei Bush vom
amerikanischen Imperialismus ausgearbeitet worden. „Die aktuelle Lage eröffnet Möglichkeiten, die man seit langem nicht
mehr gekannt hat. Sie schafft völlig neue Möglichkeiten.“ (E. Olmert, Le Monde,
19. Juni 2007).
Wie man sieht, sprechen
die zionistischen Führer im Weißen Haus und in den israelischen Medien zwei
verschiedene Sprachen: Statt vor Angst mit den Zähnen zu klappern, reiben sie
sich die Hände. Sie rechnen damit, Abbas und seine Notstandsregierung im neu
zerstückelten Westjordanland festzunageln: Damit er die Apartheid-Mauer
akzeptiert, die sich ausweitenden Siedlungen, die Besetzung Jerusalems, die
Verneinung jedes Rückkehrrechts für die Flüchtlinge. Anschließend gibt’s dann
Geld für seinen Zwergstaat im Schatten des mächtigen Israel. Selbstverständlich
werden ihn die Gefängniswärter vorher von der Hamas befreien. Sie haben mit
größter Befriedigung registriert, dass nur der Iran den Sieg Haniyehs und
seiner Milizen in Gaza begrüßt hat. Für Olmert und Bush die beste Gelegenheit
um aufzuschreien, dass der Iran vor den „Toren der Freien Welt“ steht. Dass der
„Schurkenstaat Nummer 1 immer näher rückt und immer bedrohlicher wird. Dass es
Zeit zum Handeln ist…
Die ArbeiterInnen, die
Jugendlichen, die sich der unerträglichen Unterdrückung des palästinensischen
Volkes bewusst sind, fühlen sich zugleich ohnmächtig. Was tun?
Überall muss man die
Parteien, die sich auf die ArbeiterInnenbewegung berufen, sowie die
Gewerkschaften dazu auffordern, Klassensolidarität mit den PalästinenserInnen
zu üben. Dass sie zu Demonstrationen für das Recht auf Bewegungsfreiheit, die
Aufhebung aller Sperren und militärischen Barrieren, die Zerstörung der Mauer,
welche die PalästinenserInnen einschließt und aushungern soll, für die
Aufhebung der Blockade, die die Massen in Gaza und im Westjordanland
erdrosselt, für die Freilassung der palästinensischen KämpferInnen, für den
sofortigen Rückzug der französischen Besatzungstruppen aus dem Libanon
aufrufen.
Indem sie gegen die
Regierung Sarkozy-Fillon, deren Sympathien für Israel auf der Hand liegen,
kämpfen, können das französische Proletariat und die Jugendlichen auf seiner
Seite einen Pfeiler der kolonialen Unterdrückung schwächen und damit das Los
ihrer Brüder und Schwestern in Palästina erleichtern.
Allen die verzagen, die
mit vollem Recht die verräterischen Führungen an der Spitze der
palästinensischen Massen ablehnen, rufen die MarxistInnen zu: Es gibt einen
Ausweg, es gibt ein Programm der Befreiung, schließt euch dem Kampf für die
sozialistische Föderation des Nahen Ostens an!
Der Kampf für das
Rückkehrrecht der PalästinenserInnen, für ein einiges, demokratisches,
weltliches und multiethnisches Palästina kann sich nur gegen den wahren
Unterdrücker der PalästinenserInnen richten – Israel und seine Armee. Die
Beseitigung der künstlichen Grenzen, die Beseitigung der Besatzungsarmee und der
kolonialen Institutionen sind die ersten Schritte in Richtung einer Lösung der
Unterdrückung des palästinensischen Volkes. Weit entfernt von den permanenten
Teilungsplänen Palästinas, denen sich Hamas und Fatah unterordnen, führt die
Perspektive eines einheitlichen Palästina über die Beseitigung des
zionistischen Kolonialstaates.
Diesen tödlichen Feind,
der seit 1948 von den imperialistischen Mächten bewaffnet wird, zu besiegen,
kann nur das Werk der ArbeiterInnenklasse ganz Palästinas sein. Nur die Macht
der proletarischen Revolution, welche die ausgebeuteten Bauern- und
Bäuerinnenmassen organisiert und sich gegen alle KapitalistInnen der Region
bewaffnet, kann die Grundlagen des zionistischen Terrors beseitigen. Dieses
Ziel können die jüdischen und arabischen ArbeiterInnen, vereint gegen den
kapitalistischen Agenten in der Region, dann erreichen, wenn ihnen ihre
Klassenbrüder und -schwestern in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern
den Rücken stärken. Mit Hilfe der libanesischen, türkischen, kurdischen,
syrischen und ägyptischen ProletarierInnen können die revolutionären
ArbeiterInnen Palästinas an die Bildung der Sozialistischen Föderation des
Nahen Ostens herangehen, der Union der ArbeiterInnen- und Bauern- und
Bäuerinnenregierungen, welche die KapitalistInnen enteignet haben und das Recht
der PalästinenserInnen auf ein Leben auf ihrem eigenen Territorium garantieren.
Aber damit dieses
Revolution die UnterdrückerInnen und ihre Produktionsweise hinwegfegen kann,
bedarf es des Aufbaus einer revolutionären, marxistischen,
internationalistischen Partei des palästinensischen Proletariats. Eine
derartige Partei würde den Überlebenskampf der Massen unterstützen, für Löhne
und Arbeit, für medizinische Versorgung und Bildung, gegen Hunger und Teuerung,
und die Verbindung mit der Vorhut der jüdischen ArbeiterInnen herstellen, die
gleichfalls die zionistische Bourgeoisie besiegen will. Im Kampf gegen die
Unterdrückung und die Kolonisierung würde eine revolutionäre
ArbeiterInnenpartei die Sammlung der palästinensischen ArbeiterInnenvorhut
ermöglichen, damit diese die Macht der Bourgeoisie bricht und den
kapitalistischen zionistischen Staat, ebenso wie alle anderen Staaten der
Region, zerstört, um zur Sozialistischen Föderation des Nahen Ostens zu
gelangen.
23.
Juni 2007 / Révolution Socialiste