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Ken Loach’s The wind that shakes the barley
Ein solches
Modell (…) würde einen Jahrmarkt der Reaktion, sowohl im Norden, wie im Süden
bringen, würde den Weg des Fortschritts behindern, würde die Einheit der
irischen Arbeiterklasse zerschlagen … (James Connolly, Labour and the
proposed partition of Ireland, Irish Worker, 14. März 1914.
Der britische Regisseur
Ken Loach ist einer der wenigen Filmschaffenden, denen die ArbeiterInnen und
ihre Unterdrückung interessiert. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme beim
Filmfestival in Cannes 2006, fiel auf The
wind that shakes the barley aber aus einem anderen Grund die Aufmerksamkeit
der Mehrheit der britischen Tageszeitungen: „Eine Fälschung!“ (Daily Mail),
„Ein antibritischer Film!“ (The Sun), „Legitimierungen der Aktionen von
Gangstern!“ (The Times), um nur einige wenige zu nennen. Es zeigte sich
abermals, dass die bürgerliche Presse das Erbe des Kolonialismus verteidigt,
aber auch die derzeitige Besatzung der britischen Armee des Iraks und
Afghanistans und zugleich ihre Abscheu von der Revolution wie von der Pest.
Was das
Gleiche an „Land and Freedom“ und „The wind that shakes the barley“ ist, ist,
dass es in Spanien 1936, wie in Irland 1920 die Möglichkeit der Schaffung einer
neuen sozialen Ordnung gab. (Ken Loach, Diskussion mit Michel Cement, Positif,
September 2006.)
The wind that shakes the barley ist der dritte historische Film
von Ken Loach nach dem sehr erfolgreichen Land
and Freedom (1995) über die spanische Revolution und dem schwächeren Carla’s Song (1996) über die Revolution
in Nicaragua. Außerdem ist es seine zweite Arbeit über Irland nach Hidden Agenda (1990), der einige
Parlamentsabgeordnete der Torys zu der Feststellung veranlasste, der Autor sei
„für Terroristen“.
Ken Loach beschreibt das
Schicksal von Damien und Teddy O’Donovan, zwei Brüder aus dem County Cork nach
dem ersten imperialistischen Weltkrieg. Diese beiden Charaktere sind erfunden,
doch der Drehbuchautor Paul Laverty lies sich von wahren Persönlichkeiten
leiten (Tom Barry und Ernie O’Malley). Andere Charaktere nehmen einen
besonderen Platz im Film ein, wie die Feministin Sinéad oder der Eisenbahner
Dan. Wie in Land and Freedom
behandelt Loach die historischen Ereignisse durch die Charaktere, die durchwegs
Militante von der Basis sind. Wenn dies auch künstlerisch gerechtfertigt ist,
hat es doch zur Folge, wenig didaktisch zu sein.
Zum Zeitpunkt, zu dem der
Film spielt, war Irland noch immer Teil des Königreichs von Groß-Britannien.
Die AusbeuterInnenklasse der Kolonie war geteilt in ein
unionistisch-protestantisches Kleinbürgertum, was es zu einem Teil der
englischen AusbeuterInnen machte, und einem mehr oder weniger
separatistisch-katholischen Kleinbürgertum, das politisch an der Irish Party oder Sinn Féin ihren Ausdruck fand. Die radikale, irische Tradition
hielt sich in Form einer nationalistischen Bewegung kleinbürgerlicher
Radikaler, des Irish Republican
Brotherhood (IRB). Außerdem kämpften unter dem Einfluss von James Connolly
und Jim Larkin die Irish General und Transport Workers Union (IGTWU)
gegen die nationale Unterdrückung.
Die junge
irische Arbeiterklasse, entstanden in einer Atmosphäre geprägt von heroischen
Erinnerungen an den nationalen Aufstand, geriet in Widerspruch mit der
egoistischen, bornierten, imperialen Arroganz des britischen Trade Unionismus,
schwankt unentschlossen zwischen Nationalismus und Syndikalismus (…). (Leo Trotzki, Ergebnisse
der Ereignisse von Dublin, 4. Juli 1916.)
Der Osteraufstand
Im Jahr 1913 isolierte der
Streik des öffentlichen Verkehrssystems in Dublin die konföderale Direktion
Britanniens (TUC). Angesichts der Gewalt der britischen BesatzerInnen und der
englischen Polizeikräfte organisierte die IGTWU zur Selbstverteidigung die Irish Citizen Army (ICA). Diese
ArbeiterInnenmiliz lehnte es ab sich in den großen Kampagnen der Irish Volunteers (IV), aufgestellt von
IP und IRB, aufzulösen. 1914 war James Connolly außerdem einer der wenigen
SozialistInnen, der sich gegen den imperialistischen Krieg stellte. Am 24.April
1916 marschierten über 200 KämpferInnen der ICA und rund 550 der IV auf und
proklamierten die Unabhängigkeit Irlands.
Der Osteraufstand wurde
brutal von der „ältesten Demokratie der Welt“ niedergeschlagen. Dublin wurde
bombardiert und die republikanischen Gefangenen wurden nach ihrer Überstellung
erschossen. Connolly und Patrick Pearse waren ebenfalls unter den Ermordeten.
Der Aufstand wird von der
reformistischen Führung der englischen Labour
Party (LP), aber auch von ihrem linken Flügel, den ZentristInnen der Independent Labour Party (ILP),
verurteilt. Von den InternationalistInnen wird er jedoch durchwegs begrüßt:
Denn zu
glauben, daß die soziale Revolution denkbar
ist ohne Aufstände kleiner Nationen in den Kolonien und in Europa, ohne revolutionäre
Ausbrüche eines Teils des Kleinbürgertums mit allen seinen Vorurteilen, ohne die Bewegung
unaufgeklärter proletarischer und halbproletarischer Massen gegen das Joch der
Gutsbesitzer und der Kirche, gegen die monarchistische, nationale usw. Unterdrückung
- das zu glauben heißt der sozialen
Revolution entsagen. (…) Das Unglück der Iren besteht darin, daß ihr
Aufstand nicht zeitgemäß war, da der Aufstand des europäischen Proletariats noch nicht herangereift ist. (Lenin, Der irische
Aufstand 1916; in: LW 22, 361-366.)
Nach dem gang ins Exil von
Larkin und der Exekution Connolly konnte Sinn
Féin alle FreiheitskämpferInnen nun hinter sich vereinen. Die Irish Labour Party ordnete sich dem
bürgerlichen Nationalismus unter. Im Jahr 1919 schuf Sinn Féin das Parlament (Dáil
Eireann), eine provisorische Regierung und wandelte die IV in die Irish Republoican Army (IRA) um.
Die Teilung…
Der Film beginnt
schließlich etwas später im Jahr 1920, dem „Jahr des Terrors“. Während er dabei
ist nach London zu gehen und sein Medizin zu studieren, wird Damien O’Donovan
vom Terror der Black and Tans und der
Auxiliaries, zwei bewaffneten
ultrarechten Einheiten, aufgestellt von Winston Churchill um die
UnabhängigkeitskämpferInnen zu zerschlagen, aufgehalten. Der junge Mann gibt
seine gesetzten Ziele auf und engagiert sich von nun an in der IRA, in der auch
sein älterer Bruder Teddy ist und er auch Dan wieder findet. Dan ist ein
ehemaliger Eisenbahner und IGTWU-Mitglied, der auch in Connolly ICA kämpfte und
zu Beginn des Films von Black and Tans-Mitglieder geschlagen wird, weil er sich
weigert sie mit dem Zug zu befördern.
Das Dilemma der Guerilla
wird von Loach und Laverty ungeschminkt gezeigt, etwa während der Exekution
eines Landarbeiters, der die Briten über die irischen KämpferInnen informiere.
…und der Weg in den BürgerInnenkrieg
Dan strebt nach dem
Sozialismus und Sinéad stößt sich an dem Schutz, den irischen Wucherer durch
die Sinn Féin-Führung erfahren. In
der Tat, die Unabhängigkeitsbewegung war von Widersprüchen geprägt, die die
unterschiedlichen sozialen Interessen der KapitalistInnen,
GroßgrundbesitzerInnen einerseits und der Bauern/Bäuerinnen und dem Proletariat
andererseits, widerspiegeln. Diese wurden galvanisiert durch die russische
Revolution.
Im April 1920
wird die Stadt Limerick von der Armee infolge von Attentaten zur „militärischen
Zone“ erklärt. (…) Das Trade Union Council (Gewerkschaftsverband) ruft den
Generalstreik aus. 14.000 Arbeiter folgen diesem Aufruf. (…) Die Verwaltung der
Stadt wird durch einen Arbeiterrat gewährleistet. (…) Die rote Fahne weht über
Limerick. (…) Am 1. Mai weht sie über Wicklow, Cork und Süd-Belfast. (…) 1921
enteignen die Bauern von Toorahara und Kilferona in der Grafschaft Clare den
Boden mit Hilfe der IRA und, anstatt ihn aufzuteilen, bewirtschaften sie ihr
genossenschaftlich. (…) Die Führungskräfte von Sinn Féin erkennen diese Dynamik
und sind darüber beunruhigt. (Roger Faligot, La Résistance irlandaise, Maspero 1977,
37.)
Die Regierung in London
handhabt diese Situation derart, dass sie auf die katholische Bourgeoisie und
ihre Unfähigkeit die Massen gegen den britischen Imperialismus zu mobilisieren
setzte. Premierminister David Lloyd George und der Minister für Kolonien,
Winston Churchill, unterstützten blutige Pogrome der B-Specials gegen die KatholikInnen im Norden Irlands und schlugen
eine Vertrag vor, in dem das irische Parlament anerkannt werden sollte, jedoch
unter der Bedingung, die Teilung Irlands zu bestätigen (26 Grafschaften
bildeten schließlich den Südteil Irlands, 6 den Nordteil). Und das alles auch
noch unter der weiteren Bedingung, dass die provisorische Regierung des Südens
der britischen Krone Treue leisten musste.
Einer der durchschlagenden
Aspekte des Films besteht darin, dass er nicht bei der britischen Unterdrückung
und dem nationalen Aufstand der dadurch hervorgerufen wird, belassen bleibt,
sondern ebenfalls den BürgerInnenkrieg thematisiert, der zwischen den
NationalistInnen aufgrund der Haltung zum oben genannten Vertrag ausbricht:
Zu Beginn wollten
wir nur den kolonialen Konflikt behandeln, aber wenn dieser genauer betrachtet
wird, merkt man, dass alle Elemente, die zum Bürgerkrieg führten, bereits im
Unabhängigkeitskampf vorhanden waren. (…) Wir hatten daher das Gefühl, dass die
Geschichte nicht vollständig wäre, falls nicht auch über den Bürgerkrieg
gesprochen wird, der ja durch das Geschick der englischen Regierung ausgelöst
wurde, die den Vertrag initiierte, der die republikanische Bewegung in zwei
Teile spaltete. (Loach, Positif)
Die Führung von Sinn Féin unterzeichnete am 6. Dezember
1921 unterstützt durch die katholische Kirche und geduldet von der Irish Labour Party den Vertrag. Ein
breiter Teil der IRA erhob sich nun gegen diese Kapitulation, diese beschränkte
sich politisch aber auf die Frage der Unabhängigkeit und erwies sich so als
unfähig die ArbeiterInnen und die armen Bauern/Bäuerinnen zu mobilisieren. Die
Regierung des Südens ging bedingungslos gegen die „Abtrünnigen“ vor – mit
Waffen, die der britische Staat dem irischen Freistaat geliefert hatte. An
diesem Punkt – dem irischen BürgerInnenkrieg – trennen sich die Schicksale der
beiden Hauptcharaktere im Film.
Entgegen der Mehrheit der
Regisseure zeigt Ken Loach die Geschichte in chronologischer Reihenfolge. Aus
demselben Grund engagiert er auch kaum professionelle SchauspielerInnen und
gibt ihnen ihre Rolle erst kurz vor dem Dreh.
Die
Schauspieler lesen niemals die ganze Szene, sie entdecken alles erst in
Etappen; auf das Ereignis, das in ihren Augen auftaucht können sie mit eigenen
Emotionen reagieren, hätten sie jedoch die Szene sechs Wochen früher gelesen,
wäre diese Echtheit nicht erhalten worden. Ich arbeite so seit meinem Beginn
[als Filmschaffender]. (Loach, Positif)
Diese Verfahrensweise ist
aber wohl weniger relevant, wenn die SchauspielerInnen während der
strategischen, politischen Debatten am Vorabend des BürgerInnenkriegs agieren
(oder gezwungen sind, genau dieses nicht zu tun). Was aber auf jeden Fall
bliebt ist, dass The wind that shakes the
barley ein großer Film ist, intelligent und scharfsinnig, gut gespielt und
oft schön.
Révolution Socialiste,
April 2007