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Pakistan
Präsident
Pervez Musharraf hat am 3. November den Ausnahmezustand verhängt. Die
gegenwärtigen MachthaberInnen behaupten, so gegen den Terrorismus zu kämpfen
und gleichzeitig die AnhängerInnen der wichtigsten Oppositionspartei, der
Partei des Pakistanischen Volkes (PPP) zu schützen. Tatsächlich hatte es am 30.
Oktober ein Selbstmordkommando auf den Präsidenten selbst abgesehen, und am 18.
Oktober, dem Tag der Rückkehr Benazir Bhuttos - der Führerin der PPP - aus dem
Exil, forderte ein Attentat islamistischer Machart 140 Tote unter der Menge,
die zu ihrer Begrüßung gekommen war. Offiziell hält Musharraf die Perspektive
von Parlamentswahlen im Januar 2008 aufrecht.
Aber diese
Vorwände der Verteidigung der Demokratie erklären wohl kaum die Ernennung eines
neuen Präsidenten des Höchstgerichtes, das in den nächsten Tagen über die
Rechtmäßigkeit der Wiederwahl des Präsidenten entscheiden soll, durch die
Regierung unmittelbar nach der Proklamation des Ausnahmezustandes, noch die
Unterdrückung von Fernsehsendern, die Verhaftung von Tausenden
nicht-islamistischen Oppositionellen, darunter tausenden AktivistInnen der
Labour Party Pakistans (LPP), die Unterdrückung von Protestkundgebungen von
RechtsanwältInnen und StudentInnen durch die Polizei, und später jener
Proteste, zu denen Bhutto und die PPP aufgerufen hatten.
Die
Bush-Administration hatte mit allerhand Manövern versucht, Pakistan zu
stabilisieren, obwohl die Militärdiktatur vollkommen diskreditiert ist und die
Region im Nordwesten des Landes, an der Grenze zu Afghanistan, von Al-Qaida-nahen
Stammesführern kontrolliert wird. Dies hätte durch einen Kompromiss zwischen
General Musharaff und der ehemaligen Premierministerin Benazir Bhutto
ermöglicht werden sollen, die Musharraf aus dem Land gejagt hatte:
„Die Taliban und ihre Verbündeten
gewinnen an Stärke und warten ab, um die Überreste nach dem sich abzeichnenden
Bürgerkrieg zwischen den beiden verwestlichtesten und mondernistischsten
Elementen der pakistanischen Gesellschaft einzusammeln -der Armee, eine der
wenigen funktionierenden staatlichen Institutionen, und der Elite
der Zivilgesellschaft, den Anwälten, Beamten, Journalisten und
Studenten. Staatssekretärin Condoleezza Rice versuchte, eine Hochzeit zwischen
den zwei Fraktionen zu arrangieren, indem sie Bhuttos Rückkehr zur Installierung
eines Paktes zur Machtteilung nutzen wollte. Aber Musharraf schlug diesen Plan
in Stücke.“ (Washington Post) 9. November 2007.
Die
Vereinigten Staaten und Großbritannien haben durch ihre Intervention und ihre
Besetzung des Irak den Aufschwung des Klerikalismus, von religiösen Konflikten
und Selbstmordattentaten in diesem Land begünstigt. Und noch viel länger
haben die Vereinigten Staaten im benachbarten Pakistan die islamistische
Reaktion auf dem günstigen Terrain eines auf einer religiösen Grundlage
geschaffenen Staates gefördert.
Die Schaffung
der Kommunistischen Internationale zielte darauf ab, die Revolution der
unterdrückten Völker, insbesonders jener des vom britischen Empire unterdrückten
Indiens, und die proletarischen Revolutionen der fortgeschrittenen Länder
miteinander zu verbinden. Aber in den 1920er-Jahren führte die Stalinisierung
der Kommunistischen Partei Indiens zu ihrer Unterordnung unter die lokale
Bourgeoisie, indirekt also unter die britische imperialistische Bourgeoisie:
„Die Kommunistische
Partei Indiens, ihre Politik der bedingungslosen Unterstützung der britischen
imperialistischen Kriegsanstrengungen, hat sich offen und aktiv dem Kampf der
Massen widersetzt, und sich so zum Instrument der britischen Politik in Indien
gemacht.“ (Bolschewistisch-Leninistische Partei
Indiens, Thesen, 4. August 1944).
Die
ArbeiterInnenklasse, durch die Politik der StalinistInnen gelähmt, lässt dem
bürgerlichen Nationalismus der Kongresspartei Gandhis, Boses und Nehrus und der
Moslem-Liga von Jinnah (der ersten islamistischen Bewegung des 20.
Jahrhunderts, die unter dem Impuls des britischen Kolonialismus geboren wurde),
freie Hand. Großbritannien unternimmt gleichzeitig alles erdenkliche, um zu
spalten, bevor es die direkte Herrschaft über den Subkontinent aufgibt. Der
britische Imperialismus erhält durch die Weigerung der hinduistischen
Kongresspartei, der Moslem-Liga auch nur das kleinste Zugeständnis zu machen,
Schützenhilfe. Die Moslem-Liga wiederum steigert im Gegenzug den Klerikalismus
und den Separatismus innerhalb der Massen. Religiöse Massaker brechen aus.
Neben der Unabhängigkeit von Burma/Myanmar und Sri Lanka – mehrheitlich
buddhistisch – gehen Pakistan und Indien aus der „Teilung“ von 1949 hervor, das
heißt aus einem ebenso reaktionären wie blutigen Konflikt zwischen zwei
Fraktionen der herrschenden Klasse Indiens. Millionen Sikhs und Hindus flüchten
aus den Provinzen mit moslemischer Mehrheit, Punjab und Bengalen, während
Millionen Moslems ihre heimatlichen Provinzen verlassen, um sich dort hin zu
flüchten.
Der Krieg
endet erst 1949. Pakistan («Land der Reinen»), das aus diesem Krieg hervorgeht,
wird in zwei Teile zerstückelt, die durch 1.500 km indischen Territoriums voneinander
getrennt sind. 1965 bricht ein neuerlicher Krieg mit Indien aus.
Zwischen 1967 und 1969 lehnen sich die StudentInnen und die
LohnarbeiterInnen gegen die Militärdiktatur von Ayub Khans auf. Die
sozialistische Revolution ist auf der Tagesordnung, aber sie wird von den
StalinistInnen verraten, die moskautreu geblieben (CPP) sind und die
bürgerlichen NationalistInnen der Awami-Liga unterstützen. Ebenso verraten wird
die Revolution von den pro-chinesischen Abspaltungen der Kommunistischen
Partei, von denen einige sogar die Militärdiktatur unterstützen, weil diese
eine Verbündete Chinas ist. So wird 1967 die Revolte der ArbeiterInnen und der
Jugend von der neuen bürgerlichen Partei Zulfikar Ali Bhuttos (des Vaters von
Benazir Bhutto) kanalisiert, der Partei des pakistanischen Volkes (PPP). Ali
Bhutto ist ein ehemaliger Minister der Regierungen der Moslem-Liga (PML) und
besonders anti-indisch. Wie viele andere „Dritte-Welt“- Populisten
einschließlich Indira Gandhis, die Indien seit 1966 führt, zögert Ali Bhutto
nicht, sich auf einen vagen „Sozialismus“ zu berufen.
Der PPP gewinnt die Wahlen von 1971 im westlichen Teil Pakistans,
bleibt aber national in der Minderheit. Gemeinsam mit dem General Yahya Kahn
lehnt der „Demokrat“ Bhutto es ab, die Parlamentsmehrheit der Awami-Liga
anzuerkennen, die jene dank ihres Wahltriumphs im stärker bevölkerten Osten
erworben hat (167 von 300 Abgeordneten). Angesichts des Wahlergebnisses, das
ihr missfällt, schlachtet die Armee Hunderte von StudentInnen der Universität
von Dacca ab und löst einen blutigen Bürgerkrieg aus, der zu einem neuen Krieg
mit Indien (das die Awami-Liga unterstützt), zur militärischen Niederlage der
pakistanischen Bourgeoisie, dem Rücktritt von Yahya Khan und der Trennung von
Pakistan und Bangladesh führt.
Nach ihrer
Trennung greifen sowohl der Staat Pakistan als auch Bangladesh immer öfter auf
die moslemische Religion zurück, um die sozialen Konflikte einzudämmen.
1973 erklärte die Verfassung Bhuttos den Islam zur Staatsreligion und legte
fest, dass der Präsident und der Premierminister Moslems sein müssen. Im
gleichen Jahr setzt die PPP-Regierung Polizei und Armee in Marsch, um
Betriebsbesetzungen in Multan, Karachi, Khot Lakhpat und Faislabad zu beenden.
1979 führt General Zia ul Haq ein Sondergericht ein, das Bundesstaatliche
Shariat-Gericht, das darüber wacht, das alle Gesetze mit dem Koran und
der Sunna konform gehen, das Fasten während des Ramadan eingehalten wird, die
Hudood-Regeln beachtet werden, die jede Lästerung Mohammeds zum todeswürdigen
Verbrechen der Gotteslästerung machen und die Unterdrückung der Frauen
verstärkt. Unter anderem sehen Bestimmungen des islamischen Strafgesetzbuches
für Ehebruch, Prostitution und die Homosexualität von Frauen Gefängnisstrafen
und Auspeitschung vor.
In den 1970er
Jahren, egal ob unter Bhutto oder Zia, diente Pakistan der gegen Indien
gerichteten islamistischen Guerilla in Kaschmir als Hinterland, ebenso wie den
afghanischen Reaktionären, die sich der Regierung Daoud widersetzten, die eine
Modernisierung des Landes versuchte. In den 1980er Jahren werden dann die
Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien mittels der Armee und der Geheimdienste
Pakistans, insbesondere der ISI, die Netzwerke der islamistischen Brigaden
ausbilden und finanzieren, darunter jenes des saudiarabischen Milliardärs Bin
Laden, die afghanischen Taliban, die zukünftigen Gründer der algerischen FIS,
etc.. Dafür tolerieren die Vereinigten Staaten die Vorbereitung der atomaren
Aufrüstung, die Bhutto „die islamische Bombe“ genannt hatte. Pakistan fühlt
sich durch die Eroberung der Macht durch die Taliban in Afghanistan 1996
gestärkt. 1999 löst das Regime mit der „Krise von Kargi“ einen Krieg gegen
Indien aus, der wegen der gegnerischen militärischen Überlegenheit und des
Drucks der amerikanischen und europäischen ImperialistInnen aber schnellstens
beendet wird.
Die folgenden
Sanktionen wegen der atomaren Aufrüstung und des Konfliktes mit Indien
werden schnell aufgehoben, als sich Musharraf 2001 offiziell an die Seite der
Vereinigten Staaten gegen das Taliban-Regime in Afghanistan stellt. Die
Vereinigten Staaten bewaffnen und subventionieren Pakistan von neuem (unter
anderem mit 300 Millionen US-Dollar Militärhilfe 2007). Die
islamistischen Parteien (MMA…) stellen sich an die Spitze der
Unzufriedenheit in der Bevölkerung und vervielfachen die Attentate, zumal das
Militärregime die traditionellen bürgerlichen Parteien ins Abseits gedrängt
hat, die PPP und die Moslem-Liga des ehemaligen Premierministers Nawaz Sharif.
Die Vereinigten Staaten und Großbritannien setzen offiziell auf diese alten
bürgerlichen Parteien, die ihre Treue bei der Verteidigung des Privatbesitzes
und der Unterordnung unter den Imperialismus unter Beweis gestellt haben,
um den diskreditierten Musharraf zu ersetzen, halten aber gleichzeitig
auch die Option eines militärischen Nachfolgers offen.
Egal aber ein
neuer General, Bhutto oder Sharif, die neue Exekutivgewalt wäre mit den
gleichen Problemen konfrontiert, die Musharaffs Herrschaft untergraben haben.
Die
ArbeiterInnenklasse hat in letzter Zeit durch Streiks in der Luftfahrt, der
metallverarbeitenden Industrie, der Telekommunikation. etc. eine Erneuerung
ihre Bereitschaft, für Forderungen zu kämpfen, demonstriert… Sie muss den
zeitweiligen Verlust der Hegemonie der herrschenden Klassen über die
kleinbürgerlichen Klassen, die tiefen Risse innerhalb der nationalen
Bourgeoisie und die Schwächung des Staatsapparates nützen, um einen vom Regime
und auch seinen bürgerlichen „Oppositionellen“ (MMA, PML,
PPP) unabhängigen Weg zu beschreiten. Die Politik der „TrotzkistInnen“
der grantistischen IMT, die der PPP angehören, ist in dieser Beziehung so
verbrecherisch wie das, was die kommunistische Partei Indiens und ihr Ableger,
die Kommunistische Partei Pakistans, praktiziert haben. Die Labour Party
Pakistan (LPP), die mit dem Vereinigtes Sekretariat der „IV. Internationale“
(das sich heute jedoch Internationales Komitee nennt) verbunden ist, einer
anderen als trotzkistisch verkleideten reformistischen Strömung, schlägt die
Perspektive einer Einheit der Linken vor, die auch nationalistischen Parteien
(AT) und aus der PPP hervorgegangene Politiker (MMKG) einbezieht. Jede
Unterordnung unter die nationale Bourgeoisie, jede Neuauflage der
„Anti-Imperialistischen Einheitsfront“, würde für die ArbeiterInnen, die Frauen
und die Jugend zu einer Katastrophe wie in China 1927, in Indien 1949, im Iran
1953, in Sri Lanka 1956, im Irak 1958, in Indonesien 1965, in Pakistan 1971, im
Iran 1979 führen.
Die
ArbeiterInnenklasse muss die Führung des Kampfes gegen die imperialistische
Beherrschung des Landes übernehmen, die demokratischen Freiheiten, die
Musharraf beseitigt hat, verteidigen, die Forderungen aller Unterdrückten und
Halbausgebeuteten (Jugend, nationale und religiöse Minderheiten, Frauen, arme
BäuerInnen, ArbeiterInnen des informellen Sektors etc.) aufgreifen, die
Trennung von Religion und Staat fordern, ebenso wie die Gleichheit für aller
BürgerInnen unabhängig von Geschlecht oder religiöser Überzeugung, um so den
Parteien der AusbeuterInnen ihre Stütze in der Bevölkerung zu entziehen, ob sie
nun von den Ulemas unterstützt werden (MMA, …) oder durch die imperialistischen
Mächte (PPP, …). Die ArbeiterInnen in Stadt und Land werden gemeinsam mit
der in Ausbildung stehenden Jugend dazu imstande sein, das Land von der
ausländischen Herrschaft, der Rückständigkeit des Kastendenkens, der
Stammesstrukturen und dem Patriarchat zu befreien, den Bauern das Land zu
geben, die ArbeiterInnenkontrolle über die Industrie, das Transportwesen
und die Bauten zu errichten, die Banken und die großen Unternehmen zu
enteignen, die aufgeblähten Repressionskräfte aufzulösen und die Massen zu
bewaffnen.
Das
Proletariat kann diese Aufgaben nur mit Instrumenten, die ihm eigen sind,
erfüllen, mit ArbeiterInnenräten und vor allem einer Revolutionären
ArbeiterInnenpartei die entschlossen ist, die Macht im Bündnis mit dem
Proletariat der Nachbarländer zu ergreifen. Schon jetzt müssen sich die
Gewerkschaften in einem einzigen klassenkämpferischen Verband zusammenschließen
und eine ArbeiterInnenpartei, unabhängig von allen Parteien der KapitalistInnen
und GrundbesitzerInnen, schaffen. Die ArbeiterInnen- und
StudentenInnenorganisationen müssen Beziehungen mit den ArbeiterInnen und den
Jugendlichen im Iran, Indien, Nepal, Irak, Bangladesh, Sri Lanka, etc. knüpfen,
um alle Drohungen gegen die zukünftige sozialistische Revolution und die
ArbeiterInnen- und BäuerInnenregierung, die aus der Revolution hervorgehen
wird, zu unterbinden und alle brudermörderischen Kriege zu beenden, die vom
Kolonialismus ererbten Grenzen und die religiösen Spaltungen niederreißen
und so die Perspektive der Sozialistischen Föderation Süd-Asiens und der
Sozialistischen Föderation West-Asiens eröffnen.
12. November 2007
Kollektiv Permanente Revolution, Der Neue Kurs (Österreich)